Digitalisierung als Gefahr ?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund sorgt sich, weil der 1. Mai als Tag der Arbeit an Bedeutung verloren hat. „Wie aus der Zeit gefallen“ sei dieser Tag, sinniert DGB-Regionsgeschäftsführer Frank Firsching aus Schweinfurt. so-geht.digital Für Grillpartys oder Fahrradtouren nutzten Arbeitnehmer den 1. Mai, klagt Firsching –, statt für lautstarke Forderungen. Firschings Sorge ist begründet. Es wäre gefährlich, den „Tag der Arbeit“ als Relikt zu begreifen, als Reminiszenz an Zeiten, wo Arbeitnehmer, weil es so im Kalender stand, am 1. Mai die Straßen in ein rotes Fahnenmeer zu verwandeln pflegten. Heutzutage braucht es nicht unbedingt Fahnen – aber immer noch Forderungen.

Natürlich geht es mit Blick auf den aktuellen Beschäftigungshöchststand, das Lohnniveau und eine sehr niedrige Arbeitslosenquote von 3,6 Prozent den bayerischen Beschäftigten vergleichsweise gut. Natürlich werden die Bedürfnisse der Arbeitenden heute nicht mehr so mit Füßen getreten wie während der industriellen Revolution, als 14-Stunden-Arbeitstage ohne Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung als normal galten und jene, die dagegen aufbegehrten, zusammengeknüppelt wurden.

Ausbeutung von Arbeitnehmern gibt es aber trotzdem noch. Im Unterschied zu früher kommt sie nur subtiler daher – etwa im attraktiven Gewand der Digitalisierung. Großzügig verteilt das moderne Unternehmen Laptops und Smartphones, lächelnd gewähren Chefs Home-Offices, dankbar nehmen es die Beschäftigten an. Dabei können die hübschen neuen Arbeitsgeräte dem Empfänger eben nicht nur nutzen, sondern auch schaden. Wer am Samstag zwischen Frühstück und Großeinkauf Dienstmails beantworten muss, am Sonntag per Dienst-Laptop seine Präsentation optimieren und seine Kollegen sogar im Urlaub noch übers Internet mit Infos versorgen muss, der weiß, was Digitalisierung bedeutet: dauernde Erreichbarkeit und so eine Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeitszeiten und arbeitsfreien Zeiten. Aber Arbeit bleibt Arbeit – und deshalb muss der, der in seiner Freizeit arbeitet, auch entsprechend Geld bekommen.

Gleichzeitig müssen Arbeitnehmer drauf achten, dass Wochenend- und Sonntagsarbeit nicht überhandnehmen – da können die Arbeitgeber noch so betonen, dass die digitalisierte Welt keine Ladenschlusszeiten mehr kennt. Wer keine klar definierten Auszeiten nehmen darf, wird – oft psychisch – krank. Darin, dass gerade Arbeitnehmer mit Familien arbeitsfreie Sonntage brauchen, sind sich Gewerkschaften und Kirchen zu Recht einig.

Genauso wichtig ist es, dem Hinaufschrauben des Renteneintrittsalters eine klare Absage zu erteilen. Rente mit 70 heißt nämlich nicht zwingend, dass gesunde Silberhaarige fröhlich pfeifend noch ein paar Jährchen Arbeit genießen. Stattdessen führt sie dazu, dass von Doppel- bis Dreifachbelastung erschöpfte Mittsechzigerinnen das Renteneintrittsalter gar nicht erreichen, dass sie mit viel zu geringen Bezügen in die Frührente stolpern – und damit gleich in die Altersarmut.

Damit kommen wir zu einem Thema, das beschämt. Dass in einem der reichsten Bundesländer Deutschlands das Lohnniveau der Frauen immer noch ein Viertel unter dem der Männer liegt und dass auch deshalb 80 Prozent der bayerischen Neurentnerinnen an der Schwelle der Armutsgefährdung leben, das ist ein Skandal.

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